Eine spannende Zeit.

(2/2016 A.D.)
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Also aus wissenschaftlich-soziologischer Sicht sind die
Ereignisse in Mitteleuropa derzeit (2016 A.D.) eine
unglaublich spannende und aufregende Zeit. Und das beste
ist… …ich bin mitten drin statt nur dabei. In einem
der mitteleuropäischen Schmelztiegel (Wien) bewohne ich
derzeit eine kleine aber feine Stahl-Betonhöhle. Ich brauche
nur auf die Straße gehen und bin mitten in einer Art
Krisenexperiment von dem Soziolog*innen vermutlich nicht mal
heimlich wagen zu Träumen. Ich sage ihnen: Jeder Sozial-
und Kulturanthropologisch Interessierte in meiner Gegend
ist schon ganz feucht an diversen geistigen Stellen.

Wenn sie in Mitteleuropa Leben haben sie vielleicht schon von
der sogenannten Flüchtlingskrise gehört. Und wie es nun mal
so ist sind echte, nicht vorgetäuschte Krisen, die erweiterte
Form eines Krisenexperiments[1]. In Wien, wie gesagt von hier
aus führe ich derzeit meine amateurhaften Untersuchungen,
lässt sich folgendes sagen:

“[…]Mit 5. September[Anm.: 2015 A.D.] begann ein
seit Jahrzehnten nicht gekannter Zustrom von
Flüchtlingen nach Österreich. In diesem halben Jahr
seither kamen fast 800.000 Menschen über die Grenzen.”[2]

In die “Obhut der Republik Österreich” wollten im Jahr
2015 A.D. circa 90.000-95.000 Menschen.

“Es dürften damit 2015 – wie erwartetet – zwischen
90.000 und 95.000 Asylanträge in Österreich gestellt
werden, sagte Ministeriums-Sprecher Karlheinz Grundböck.
Zum Vergleich: Im Jahr 2014 waren es rund 28.000,
2013 rund 17.500 Anträge.”

Wien (manchmal mehr oder weniger liebevoll als Wasserkopf
Österreichs bezeichnet) erfüllt seine Aufnahmequote
zu ca. 120%. Was bedeutet das in etwa 2/3 der
Asylantragsteller*innen in Wien eine neue Bleibe suchen.[3]

Viele von ihnen sind aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak.
Die Zahlen sind übrigens keine endgültigen und meistens erst
mal aus den Rohdaten der Statistiken entnommen was man aber
schon mit ziemlicher Sicherheit sagen kann:
Es kommen hier ganz viele Menschen mit einer, für die hier
schon länger sesshaften Bevölkerung, fremd anmutenden
Kultur/Sozialisation dazu. Ich kann zwar nicht persönlich
überall in Wien vorbei schaun aber man hat schon den
Eindruck einige neue Gesichter hier zu sehen.

Wenn man Dinge untersucht ist es immer gut wenn man einige
Jahre ins Land ziehen lässt damit man genaue Daten und alles
hat. Man braucht, wie hier, Zeit um über die ganze Tragweite
der Ereignisse ein Bild zu bekommen. Zeit für Interviews &
Gespräche mit Zeitzeugen, Zeit zu überlegen, Zeit den
eigenen Eindruck und die eigene Sicht zu hinterfragen,
Zeit um andere Positionen einzunehmen… …all so Zeug halt.
Die Liste der Fragen ist aber jetzt schon enorm.

.) Wie geht es Menschen mit intensiven Dingen wie die
einer Flucht- und/oder Kriegserfahrung? Gehen verschiedene
Kulturen verschieden damit um?

.) Wie werden sich die neuen Migrant*innen zur sesshaften
Bevölkerung in ihrem Aufnahmeland verhalten?

.) Wie wird sich die sesshafte Bevölkerung gegenüber
den neuen Migrant*innen verhalten?

.) Welche ethnischen & kulturellen Konflikte werden
entstehen und wie werden sie gelöst?

.) Wie verhalten sich die Dinge im Bezug und im speziellen
zu den einzelnen ethnischen/kulturellen Personengruppen?

.) Kommt es zur Segregation von
Personengruppen/Ethnien/Kulturen/Religionen?

.) Wie geht es den einzelnen Menschen in dieser Situation?

.) Wie wird politisch auf die Ereignisse reagiert?

Und das sind nur wenige Beispiele. Schauen sie.
Die ganze Sache hat unvermeidlich ihre tragischen Momente.
Keine Frage. Wie Menschen mit Menschen umgehen ist an
allen Ecken und Enden der Erde trübe & bedenklich.
Da wie dort. Das sage ich ihnen mit reinem Herzen.
Aber sehen sie die Sache mit neugierigen blicken.
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Sie sehen also; eine spannende Sache.
Ich hoffe ich überlebe das. 😀

[1] Durch die Herstellung einer Krise in alltäglichen
Interaktionen werden – anhand der Reaktionen auf diese
Störung – die Praktiken der Herstellung der normalen
Interaktionsordnung beobachtbar.

https://de.wikipedia.org/wiki/Krisenexperiment

[2] Der Tragik wegen das vervollständigte Zitat:

“Wien – Zwei Daten symbolisieren den Start der
Flüchtlingskrise. Am 27. August 2015 wurden 71
Leichen in einem Schlepper-Lkw auf der A4 gefunden.
Mit 5. September begann ein seit Jahrzehnten nicht
gekannter Zustrom von Flüchtlingen nach Österreich.
In diesem halben Jahr seither kamen fast 800.000
Menschen über die Grenzen.” – derstandard.at

[3] http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/4835582/Fluchtlinge_Wien-traegt-zwei-Drittel-der-Last

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